Heute sind wir durch eine recht felsige, karge Gegend gelaufen. Hier gibt es kaum Vegetation, nur diese eigenartigen grau-silbernen, staubigen Flechten, die sich überall an den Steinen entlang ziehen.
Wir haben festgestellt, dass es sehr müde macht, wenn man diesen Staub einatmet und wir haben echt eine ganze Weile gebraucht, uns daran zu gewöhnen. Lorée ist mehrfach fast eingeschlafen, ich habe nur extrem starke Müdigkeit gefühlt. Vielleicht hilft mir die Gabe von Hirni, dass ich nicht schlafen muss? Oder ich hatte einfach Glück. Wir haben mehrere Stunden gebraucht, bis wir an einem guten Ort zum Lagern angekommen sind, weit oben auf einer Klippe, aber gut geschützt vor neugieren Augen und dem Staub.
Wir haben gekocht und dann eine ganze Weile mit den Beinen über dem Felsvorsprung hängend da gesessen und uns unterhalten. Das Gespräch war für mich irgendwie…befremdlich. Ich glaube manchmal, dass Dinge, die ich für selbstverständlich halte, vielleicht gar nicht so selbstverständlich sind.
Lorée hat an den letzten Abenden öfter wieder im Kokon geredet und ich habe mich endlich getraut, sie zu fragen, mit wem sie spricht. (Sie hat mir verraten, dass sie kurz mit ihrem Vater spricht, einfach nur, um jeden Abend zu erfahren, ob zuhause alles in Ordnung ist. Sie macht sich Sorgen, weil er allein zurückgeblieben ist aber bisher geht es ihm gut.)
Sie hat mir erzählt, dass sie ein für uns Drow eher unübliches liebevolles Verhältnis zu ihren Eltern hatte und mich nach meinem Verhältnis zu meinen Eltern gefragt. Das hat mich sehr verwirrt, wenn ich ehrlich bin. Ich wusste nicht, dass es da Unterschiede gibt.
Mein Vater war für mich kaum existent, weil er die Erziehung komplett meiner Mutter überlassen hat und immer tat, was sie sagte und wollte – ganz normal also eigentlich. Lorées Eltern haben sich beide gekümmert und sie sind ihr beide liebevoll gegenübergetreten.
Davon habe ich ehrlich gesagt noch nie gehört, bei niemandem sonst. In der Tempelschule wurden alle adeligen Mädchen so erzogen wie ich – streng und zu Glauben, Stärke und Autorität – ohne sonderlich viel Wert auf Liebe und Zuneigung.
Ich habe Lorée erzählt, dass ich nur lernen musste, zu funktionieren und Ehre für unser Haus zu bringen und dass meine Eltern sich nur für mich interessiert haben, wenn ich das erfüllen konnte. Ich war extrem überrascht, wie bestürzt sie darüber war.
Und dann hat sie mir eine verwirrende Frage gestellt, über die ich echt kurz nachdenken musste.
Sie hat gefragt, warum meine Eltern mich denn eigentlich bekommen haben, wenn sie sich doch überhaupt nicht für mich interessieren. Ich konnte darauf gar nicht sofort antworten. Schließlich kam ich zu dem Schluss, dass meine Eltern eben davon ausgegangen sind, dass ich ehrgeizig, stark und würdig werde. Eine wertvolle Nachfolgerin im Haus Hydris mit Ambition und Macht, aufzusteigen und unseren Namen in der Hierarchie nach oben zu bringen. Sie haben sicher nicht gedacht, dass ich werde, was ich…naja, was ich jetzt bin.
Lorée hat mich darauf hingewiesen, dass Stärke auch sein kann, sich in einer Gesellschaft, in der einen alles töten möchte, zu behaupten und zu überleben und ob das denn gar nicht anerkannt wird von meiner Mutter. Sie meinte, sie hat so einige andere Drow in Bael’Undor dumm sterben sehen oder selbst gerichtet, weil sie sich mit ihr anlegen wollten und wenn man überlebt, sollte das allein schon zeigen, wie stark man ist.
Doch meine Mutter sieht das nicht so, für sie ist das Überleben in unserer Gesellschaft selbstverständlich – außer, man ist schwach – und nichts, wofür es extra Anerkennung gibt. Ich soll Haus Hydris zu Macht verhelfen und sie ist nur enttäuscht von mir, weil ich ihr nicht geben und zeigen kann, was sie unbedingt von mir sehen möchte.
Ich habe Lorée auch gesagt, dass Hirni meint, ich solle mir von einer Gesellschaft nichts sagen lassen, die ich eines Tages werde anführen können. Dass er das gesagt hat, habe ich vorher noch nie jemandem verraten, es ist mir irgendwie unangenehm. Ich möchte niemanden anführen und glaube auch nicht, dass mir das liegt. Er erwartet da vielleicht ein bisschen viel, aber er hat auch gesagt, dass er nicht meiner Mutter Macht und Einfluss geben möchte, sondern mir. Naja, ich vertraue ihm, er wird schon wissen, was er tut.
Nachdem ich das Lorée jedoch erzählt habe, hat sie dann eine ganze Weile erstmal geschwiegen und ich auch. Wir hingen dann beide einfach erstmal unseren Gedanken nach.
Irgendwann sind wir dann Pilze sammeln gegangen und auf einmal hat sie das Thema „Anführen“ dann aus dem Nichts wieder aufgegriffen. Ihrer Meinung nach macht die Art Stärke, zuerst Blut zu vergießen oder grausam zu sein, für sie keine gute Anführerin aus. Sie findet, dass oft die, die Macht und Privilegien gar nicht wollen, viel besser geeignet sind, um Macht zu haben – selbst, wenn sie kein Interesse daran haben.
Darüber musste ich dann wiederum erstmal nachdenken. Würde ich überhaupt etwas für diese Gesellschaft tun wollen, die mich so ausschließt? Darauf habe ich bisher keine richtige Antwort für mich gefunden. Weder „ja“ noch „nein“ haben sich stimmig angefühlt.
Wir haben dann erstmal über verschiedene Pilze gesprochen und welche heute gegessen werden sollen und welche nicht. Das fühlte sich direkt wieder einfacher an und ich war ein bisschen erleichtert.
Irgendwann hat Lorée mich angeschaut und was Neues gesagt, über das ich noch nachdenken muss.
Sie sagte, sie findet, dass Hirni wohl einen ganz guten Job dabei gemacht hat, mich bisher zu schützen und sie befand auch, dass Macht in meinen Händen besser wäre als in den Händen meiner Mutter oder einiger anderer, die sie kennenlernen musste. Aber sie verriet mir auch, dass sie gelernt hat, Dinge kritisch zu hinterfragen – zum Beispiel körperlose Stimmen. Auch Götter oder Teufel oder Dämonen können ja körperlose Stimmen sein und auch, wenn sie möchten, dass man lebt, sind nicht alle von ihnen so nett. Es gibt genug Wesen, die einem nicht wohlgesonnen sind.
Sie hat sich sehr schwer getan, das auszusprechen. Ich hatte erst kurz ein seltsames, ablehnendes Gefühl, von dem ich nicht wusste, ob es meines ist oder vielleicht von Hirni. Dann hatte ich kurz das Bedürfnis, Lorée in den Arm zu nehmen. Habe ich natürlich nicht. Das ziemt sich nicht, sie ist erheblich ranghöher als ich.
Dann sind wir schweigend zurückgegangen und haben gekocht. Sie ist dann wieder kurz zum Gespräch mit ihrem Vater verschwunden und dann schlafen gegangen.
Ich sitze jetzt hier und muss die ganze Zeit über Lorées Worte nachdenken. Ich weiß sehr gut, dass sehr viele Wesen einem nichts Gutes wollen und bestimmt können auch Teufel oder Dämonen oder böse Götter einem dunkle Dinge einflüstern. Aber Hirni hilft mir und gibt mir Magie und manchmal Rat. Rat, wie ich überleben kann. Würde er mir etwas Böses wollen, würde er mir ja nicht helfen. Er hatte so viele Möglichkeiten, mich in schlimme Situationen zu bringen oder mir aus solchen einfach nicht herauszuhelfen. Außerdem habe ich wahrscheinlich auch irgendeinen Nutzen für ihn, so ehrlich muss ich wohl zu mir sein. Aber wir können uns vielleicht gegenseitig helfen und niemand will dem anderen etwas Böses. Hirni ist mein Freund. Aber es ist lieb, dass Lorée sich sorgt. Ist sowas auch Freundschaft?