Hey ihr Schnüffler! Ihr habt hier das Reisetagebuch von Serraya gefunden. Wenn ihr sehr neugierig seid, schaut rein. Aber bedenkt dabei, dass ihr Privatssphäre verletzt und Hirni das nicht gern mag. Traut ihr euch trotzdem? Gut, dann schlagt es auf eigene Gefahr hin auf!
So, hallo Nachwelt. Oder so. Falls das hier jemals jemand lesen wird – außer dir, Hirni. Kannst du das lesen? Wäre unhöflich, weil man liest ja nicht anderer Leute Tagebücher.
Wie auch immer. Ich habe jetzt spontan angefangen, eine Art Reisetagebuch zu schreiben, während Lorée schläft. Habe ja eh nicht so viel zu tun. Ein bisschen Wache halten, ein bisschen schreiben.
Ich hoffe, wir können morgen ein gutes Stück zwischen uns und Bael’Undor legen. Ich glaube, wir möchten die Stadt beide so schnell nicht wiedersehen. Ich weiß gar nicht genau, wohin wir eigentlich gehen aber wahrscheinlich ist es überall besser als dort. Ich glaube, ich kann eh nicht mehr zurück nach dieser…Sache.
Ich frage mich, warum Mutter mir das Behältnis mitgegeben hat. Ich dachte, sie soll das jemandem geben. Und jetzt habe ich es und darf es nicht aufmachen. Ich würde wirklich gern wissen, was sich darin befindet. Es ist durch irgendein eingeritztes Siegel geschlossen, das magisch wirkt. Das ist schon mysteriös und weckt meine Neugier. Andererseits – was soll da schon drin sein? Viel passt in so einen schmalen Zylinder nicht hinein. Ich schätze, es ist entweder wertvoller Schmuck oder etwas auf Pergament Geschriebenes. Ein Zauberstab oder ein schmaler Dolch könnten auch hineinpassen, dafür wirkt es aber zu leicht. Ach, vielleicht werde ich es einfach irgendwann aufmachen. Wenn wir weit weg von hier sind. Und ich nochmal darüber nachgedacht oder Hirni gefragt habe.
Ich frage mich echt, wie Lorée in diesen Spinnweben meditieren kann. Ich stelle es mir super gruselig vor, man klebt doch ständig irgendwo fest. Und ich käme mir eingesperrt vor. Aber ich glaube, sie fühlt sich sicher so. Muss ein gutes Gefühl sein, Sicherheit. Ich glaube, ich werde einfach noch ein bisschen aufpassen. Muss eh etwas mit dem Pergament haushalten, wäre ärgerlich, wenn ich alles verbrauche, bevor wir einen Händler finden.
Konnte noch kein weiteres Pergament kaufen, also lieber nur ein kurzer Eintrag.
Wir sind endlich etwas von der Stadt weggekommen, bisher ist auch nichts Schlimmes passiert. Niemand hat uns gefunden oder angesprochen, aber wir sind Leuten auch weitestgehend aus dem Weg gegangen. Wir haben einmal Vorräte aufgestockt in einem kleinen Dorf bei einem Dunkelzwerg, aber dann sind wir auch dort schnell wieder verschwunden. Dörfer sind vielleicht nicht so gefährlich aber sicher ist sicher.
Jetzt haben wir uns etwas ab von der Straße zwischen ein paar tote Baumstämme ins Moos gelegt. Ein paar Glühwürmchen schweben ab und an vorbei, die sind schön. Lorée ist wieder in ihrem Kokon und ich hatte heute das Gefühl, sie redet da mit jemandem vor sich hin. Vielleicht mit einer Spinne. Ich mag die Spinnen, die sind wirklich süß. Manchmal etwas klebrig aber ich habe das Gefühl, sie bemühen sich oft, die Netze nicht so auf mir zu machen. Das finde ich sehr rücksichtsvoll.
Heute waren wir in einer kleineren Stadt. Oder einem größeren Dorf? Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wo da der fließende Übergang ist.
Es gab leider ein paar Drow, zuerst am Tor und dann im Handels- und Administrationsviertel und Lorée und ich haben uns einen Spaß daraus gemacht, die ein bisschen herum zu scheuchen. Ich weiß, dass sie es nicht gern macht aber sie hat die hohe Herrin gespielt und ich ihre Zofe und wir wurden sehr schnell einfach gar nicht mehr behelligt. Ich glaube sogar, wenn wir es spielerisch angehen und sie es selbstbestimmt und freiwillig machen kann, macht es ihr auch ein ganz kleines Bisschen Spaß.
Wir konnten auf jeden Fall in Ruhe Vorräte aufstocken und ich konnte mehr Pergament und Tinte kaufen. Jetzt kann ich also wieder schreiben.
Wir sind aber für die Nacht nicht dort geblieben, das ist uns einfach zu unsicher. Wir sind ziemlich sicher, dass man bald nach uns suchen wird (oder es schon tut) und wir sind beide recht schnell übereingekommen, dass es zwar bequemer wäre, in Gasthäusern zu schlafen, aber auch viel einfacher, uns dann zu erwischen. Also sind wir wieder verschwunden und haben uns in einem kleinen, leuchtenden Wäldchen einen sicheren Ort gesucht.
Lorée hat mich abends nach Hirni gefragt. Ihr ist mehrfach aufgefallen, dass ich mit jemandem rede, den sie nicht sieht oder hört und sie hat vorsichtig nachgefragt. Ich war nicht sicher, wie glücklich er damit ist, dass ich über ihn rede, aber ich fand es schon richtig, ihr davon zu erzählen. Wir reisen schließlich zusammen, irgendwie hat sie das Recht, von ihm zu wissen.
Ich habe ihr also von dem Deal meiner Mutter mit dem Unbekannten erzählt und dass er mit mir redet und mich beschützt, seit ich denken kann. Dass ich meine Magie von ihm bekomme. Und, dass er mein Freund ist. Ich wollte nicht zu viel erzählen, ich glaube, das möchte er nicht. Lorée hat nach seinem Namen gefragt. Tja, da du mir ja keinen Namen sagst, wird dich nun eine weitere Person immer „Hirni“ nennen, selbst schuld.
Ich habe heute übrigens auch versucht, Lorées Spinnen zu zählen. Bei 101 habe ich aufgegeben (und ich hatte das Gefühl, dass manche sich einfach doppelt in die Zählreihe gemogelt haben…).
Heute mussten wir einen Umweg laufen, weil wir scheinbar versehentlich in das Zuhause eines Beobachters gestolpert sind. Diese Augäpfel sind schon irgendwie witzig, eigentlich hätte ich gern so einen. Aber andererseits muss man auch sagen, dass die Biester echt gefährlich sind und wir waren nur zu zweit. Wir blieben den Göttern sei Dank unbemerkt und konnten so den Rückzug antreten, ohne einen Konflikt auszulösen aber es war schon ziemlich knapp. Verrückt, dass der uns nicht bemerkt hat. Wir sind hinter ihm rausgekommen, er hat also in die andere Richtung geschaut. Und wahrscheinlich kann er schlecht hören, da er ja eher nur aus Augen besteht. Keine Ahnung, das sind ehrlich gesagt nur wilde Vermutungen, aber das muss dann eben reichen.
Ich bin echt überrascht, wie anders Lorée sein kann, jetzt, wo wir soweit von der Gesellschaft der Drow entfernt sind. Wir haben heute sehr viel geredet. Über Familie, Liebhaber und Liebhaberinnen, über meine und ihre Erziehung, über ihr Leben als Auserwählte einer Göttin. Manche Dinge, die sie erzählt hat, klangen unvorstellbar angenehm. Ich wusste nicht, dass Eltern ihren Kindern sagen, dass sie sie lieben.
Anderes klang dafür sehr schlimm und schwer für sie und ich wollte auch nicht genauer nachfragen. Ich habe gemerkt, dass es sie sehr belastet. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass man sich allein fühlt, wenn man von so vielen anderen umgeben ist. Ich dachte immer, ich bin allein, weil ich niemanden habe – naja, außer Hirni eben. Aber ich verstehe es jetzt. Und ich bin unheimlich beeindruckt, wie stark sie ist. Ich werde das hier auch nicht aufschreiben, das kommt mir nicht richtig vor. Sensible Geheimnisse gehören nicht auf Papier.
Eben, bevor sie schlafen gegangen ist, habe ich Harfe gespielt. Sie war da auf einmal ganz verschlossen und abwesend.
Ich mag die Harfe, sie ist aber irgendwie kaputt. Selbst, wenn man etwas eher Fröhliches auf ihr zu spielen versucht, klingen die Tonreihen immer irgendwie etwas melancholisch und düster. Naja, passt ja zum Underdark.
Wir sind manchmal echt nicht so klug. Heute war der Tag. Der Tag, an dem ich einfach zu neugierig war und unbedingt diesen bescheuerten versiegelten Zylinder öffnen wollte. Das Ding hat so unschuldig vor sich hin geleuchtet und als ich Lorée meinen Plan erzählt habe, hat sie auch nur eher halbherzig versucht, mich aufzuhalten. Sie hat sogar zugegeben, dass sie auch sehr neugierig ist.
Ich habe dann versucht, zu analysieren, was da vielleicht für Magie in dem Siegel sein könnte und wollte es dafür anfassen. Ich habe das blöde Ding schon so oft angefasst oder zumindest berührt! Woher sollte ich wissen, dass es ausgerechnet heute einen schlechten Tag hat? Langer Rede, kurzer Sinn: Ich habe es berührt, um vielleicht zu erfühlen, was für Magie darin steckt und das böse Ding hat uns beiden einen SO üblen Blitz verpasst, dass wir bestimmt drei Meter zurückgeworfen wurden. Und unsere Haare haben leicht geraucht. Das hat echt übel wehgetan. Und nun wissen wir immer noch nicht, was drin ist. Ich bin empört.
Ich hab es dann wieder an meinem Gürtel befestigt und beschlossen, es aus Prinzip erstmal keines Blickes zu würdigen.
Wir haben danach schließlich gekocht und gegessen und müssen uns nun echt dringend etwas erholen. Das war schlimm. Wir haben das vielleicht ein klitzekleines Bisschen unterschätzt. Aber vielleicht ist etwas wirklich, wirklich Wertvolles darin. Meine Neugier ist jedenfalls nicht kleiner geworden. Nur meine Motivation, es nochmal zu versuchen. Hirni hätte mich aber auch ruhig warnen können, der ist doch sonst so gern ein Besserwisser. Frech.